Jugend ohne Gott -Literatur im Kino

 

Die 3CA vor dem Kino Utopia

„Jugend ohne Gott“ – ein erschreckend aktueller Roman

In dem 1937 erschienen Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth, den wir im Unterricht behandelt haben, erleben wir einen Lehrer zur Zeit des Nazi-Regimes, der die Ideologien des Nationalsozialismus nicht teilt. Ödön von Horváth, geboren am 9. Dezember 1901 in Susǎk, Österreich-Ungarn, übt mit diesem Werk Kritik an dem Nazi-Regime und dessen Indoktrinierung der Jugend.

Wir verfolgen das Geschehen aus der Perspektive des Lehrers, der am Anfang des Romans in seiner Wohnung sitzt und Klassenarbeiten korrigiert. Hierbei lässt er sich von jeder Kleinigkeit ablenken, was darauf zurückzuführen ist, dass er mit seinem Leben und der in Deutschland herrschenden Situation nicht zufrieden ist. Er zählt zum Beispiel die Anfangsbuchstaben der Namen seiner Schüler auf. Es wird im Roman kaum jemals ein Schüler beim Namen genannt, sondern nur mit dem Anfangsbuchstaben. Dies hat den Effekt, die Schüler zu „dehumanisieren“ und illustriert die Tatsache, dass sie durch Propaganda und systematische Indoktrinierung zu empathielosen „Werkzeugen“ für den kommenden Krieg erzogen werden.

Während der Korrektur kommt es bei dem Lehrer zu einem inneren Konflikt, da ein Schüler bei der Frage „Warum brauchen wir Kolonien?“ geschrieben hat: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul.“ Dem Lehrer fällt jedoch ein, dass er dem Schüler keine schlechte Note für diese Aussage geben kann, denn: „Was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen“. Hinzu kommt noch, dass er sich seiner Meinung nach nicht zu beschweren hat, da er eine gute und sichere Arbeitsstelle, und somit auch später eine gute Pension hat. Er entscheidet sich aber dafür, dem Schüler vor der gesamten Klasse zu sagen, dass „Neger auch Menschen sind“. Diese Aussage hat die Konsequenz, dass er sich beim Schulleiter erklären muss, und dass sich das Verhältnis zwischen ihm und seinen Schülern verschlechtert. Hier wird ebenfalls veranschaulicht, dass die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler eine ganz andere ist, wie wir sie heute kennen. Eigentlich sollte diese Beziehung auf Vertrauen und Respekt beruhen statt auf Misstrauen. Der Lehrer hasst seine Schüler.

Ein alter Freund des Lehrers, Julius Cäsar, definiert die aufkommende Ära des Dritten Reiches als „Zeitalter der Fische“, also eine Zeit, in der die Jugendlichen zu faschistischen Mitläufern erzogen werden, die teilnahmslos und ohne eigenständiges Denken der nationalsozialistischen Ideologie folgen.

Der Lehrer begleitet seine Klasse auf ein Zeltlager, das die Jugendlichen auf militärische Operationen vorbereiten soll. Dort kommen wir dann zur Pointe des Romans. Es geht um Lieber zweier Jugendlichen, Diebstahl, und schlussendlich Mord. Dieser Mord kommt zustande, weil der Lehrer einen Fehler begeht und nicht ehrlich ist.

Dem Lehrer wird schlussendlich bewusst, dass jeder schuld ist: die Schüler, das System, aber auch er. Der Lehrer, der zuvor eher zynische und sarkastische Bemerkungen zum Thema Gott von sich gegeben hat, findet Gott in Form von Ehrlichkeit und Menschlichkeit wieder, und opfert dafür sogar seinen Ruf und seine Karriere als Lehrer.

Mit Hilfe von Julius Cäsar und einer kleine Gruppe von Schülern, die keine „Fische“ sind, findet er heraus, wer der Mörder ist, und treibt diesen unabsichtlich in den Selbstmord. Schlussendlich endet die Geschichte des Lehrers, welcher in einer verdorbenen Gesellschaft seinen Weg findet, damit, dass er nach Afrika geht um dort zu unterrichten.

Eine Textpassage hat mich während der Lektüre besonders beeindruckt. Dem Lehrer fällt ein, wie er, als junger Mann, darüber nachdachte, welchen Beruf er ausüben will: „Was willst du werden? Lehrer oder Arzt? Lieber als Arzt, wollte ich Lehrer werden. Lieber als Kranke heilen, wollte ich Gesunden etwas mitgeben, einen winzigen Stein für den Bau einer schöneren Zukunft“ Einige Zeilen später heißt es dagegen: „Was suchst du noch auf dieser Welt?“. Dem Lehrer wird alles, worauf er hingearbeitet hat, sein Ziel im Leben, weggenommen. Er darf den Jugendlichen nichts Positives mit auf den Weg geben. Ich finde, dieses Zitat hat sehr viel Gewicht. Es ist eine schreckliche Vorstellung, einem Menschen seinen Sinn im Leben zu rauben.

Ödön von Horváth hat mit „Jugend ohne Gott“ ein sehr wichtiges Thema angesprochen, das auch heute noch aktuell ist. Wir leben in einer Zeit, in der falsche Nachrichten, Gewalt, Angst und Vorurteile immer noch an der Tagesordnung sind, sei es in den Medien oder in unserer Erziehung. Vor allem in Bezug auf die großen Flüchtlingswellen der letzten Jahre sind Rassismus und Vorurteile gegenüber anderen Religionen und Ethnien fast zum Alltag geworden.

Der Roman ist definitiv empfehlenswert, und ich denke, er sollte in jeder Schule auf dem Programm stehen. Das Werk zeigt uns, wie unsere Gesellschaft ohne moralische Prinzipien aussehen würde, und macht dem Leser bewusst, wie wichtig diese sind.

Joshua, 3CA

Nach dem Film: Gruppenarbeit an ungewohntem Ort

 

Die Verfilmung des Romans: Jugend ohne Gott Werte

 

„Jugend ohne Gott“ ist die bereits vierte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ödön von Horvath. Die Regie übernahm Alain Gsponer. „Jugend ohne Gott“ wurde in Deutschland produziert und feierte am 21. August 2017 im Münchener Mathäser-Filmpalast seine Premiere. Am 31. August 2017 kam der Film in die deutschen Kinos. Die Hauptdarsteller des dystopischen Thrillers sind Fahri Yardim in der Rolle des Lehrers, Alica von Rittberg als „Nadesh“, Jannik Schürmann als „Titus“, Emilia Schüle als „Ewa“ und schlussendlich Jannis Niewöhner als „Zach“, der vor allem durch seine Rolle als „Gideon de Villiers“ in der „Edelstein-Trilogie“ Bekanntheit erlangte.

Im Film „Jugend ohne Gott“, den die 3CA sich in einer Privatvorführung im Kino Utopia anschauen konnte,  werden wir in eine nahe Zukunft eingeladen, in der die Gesellschaft einem Kastensystem unterliegt. Wer sich nicht als „Leistungsträger “ behaupten kann, muss das luxuriöse Stadtzentrum verlassen und in die äußeren ärmlichen, slum-ähnlichen Sektoren ziehen, wo er zum „Leistungsempfänger“ degradiert wird. Statt des Faschismus der Romanvorlage herrscht in diesem Film eine Gewinner-Verlierer-Gesellschaft. Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit ausgeschlossen. Uns werden mehrere Teilnehmer vorgestellt, die alle einen Platz in den renommierten Rowald-Universitäten begehren. Sie werden in ein Camp geschickt, wo die Gewinner sich einen Platz sichern können: „Nur die Besten von euch werden einen Platz an einer der fünf weltweiten Rowald-Universitäten ergattern. Also: Gebt eurer Bestes! Und helft euch gegenseitig, die oder der Beste zu werden!“, verkündet die Psychologin Loreen am Anfang des Films. Und doch lautet hier die eigentliche Devise „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Gruppengeist, Fair-Play versus Konkurrenz, diese Doppelmoral wird im Film reflektiert. Auch uns wird schon sehr früh in der Schule suggeriert, dass man sich ohne Leistungen nur sehr schwer eine Zukunft aufbauen kann. In diesem adaptierten Szenario wird dies umso deutlicher am Beispiel von Wladim, einem begabten, etwas unsportlicheren Jungen, der sich als Wettbewerbskandidat versucht und doch ausselektiert wird, da es ihm nicht etwa an Intelligenz, sondern an Muskeln fehlt. Er wird also als untauglich klassifiziert und in einen äußeren Sektor als „Leistungsempfänger“ abgeschoben. Ein unbarmherziger Elitismus, in dem alles, was nicht systemkonform ist, bekämpft wird und totale Anpassung Pflicht ist. Hier werden Jugendliche erzogen, die gnadenlos sind, deren Gefühle abgestumpft sind, die lernen, emotional über den Dingen zu stehen. Dies wird deutlich, als Wladims Klasse sich beim Lehrer bedankt für seine Abschiebung. Auch an Titus‘ unzähligen Versuchen, seine Rivalen auszuschalten, wird dies klar: hier geht es um eine Jugend ohne Werte, ohne Moral und ohne jegliche Empathie.

Dies findet alles statt in einer Leistungsgesellschaft, ohne Individualität, Mitgefühl oder Wahrheit, was die Indoktrination der NS-Ideologie in Horvaths Vorlage widerspiegelt und gleichzeitig einen Bezug zur Aktualität herstellt. Diese moderne Umsetzung ist gelungen, denn Historien-Dramas gibt es zur Genüge. Wir bekommen hier außerdem die Perspektiven der Schüler gründlicher als die des Lehrers präsentiert, was eine interessante Neuerung darstellt. Hier sammelt man sehr viele Eindrücke, jedoch zieht sich das mit der Zeit in die Länge, man hätte weniger Perspektiven nehmen sollen und die vorhandenen straffen und gründlicher ausarbeiten. So hätte man auch eine Tiefe in den Charakteren erzeugen können, die durch die rasche Abwechslung nicht zustande kommt. Die bekannten Motive der Romanvorlage wie das Tagebuch, der Mord, die Schuld und Ewas Räuberbande, im Film als „Illegale“ bezeichnet, kommen auch vor, an das moderne Setting angepasst natürlich. Die Unterschiede sind meiner Meinung nach gerechtfertigt und gut umgesetzt. Sie geben einer eher altmodischen Geschichte eine neue Erzählform.

Der Film ist sehr sehenswert, man bekommt die Gelegenheit, Horvaths „Jugend ohne Gott“ in einer ganzen neuen, modernen Facette zu erleben, die uns die Wahrheit vor Augen hält, die wahre Seite unserer Gesellschaft. Und zwar so, dass auch wir in einer Zeit ohne NS-Ideologie Horvaths Standpunkt vollkommen nachvollziehen können. Eine gut gelungene Film-Adaption mit Bezug zur Aktualität.

Luigi, 3CA

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